Ursula Nuber: Die Verliebtheitsfalle

Verliebte tragen eine rosarote Brille: Sie halten den geliebten Partner für eine Lichtgestalt ohne Fehler und ohne Makel. Doch mit der Dauer der Beziehung löst sich die Verklärung auf, und man sieht am anderen plötzlich Seiten, die – scheinbar – vorher nicht da waren. Die anfänglich so positive Einschätzung des Partners weicht wachsender Kritik.

Dieser Wechsel in der Wahrnehmung ist ein Hauptgrund für Trennungen, meint die Psychologieprofessorin Lisa Ann Neff von der Universität von Toledo. Paare, die einander zu Beginn ihrer Beziehung voller Bewunderung aufs Podest stellen, erleben oft ein böses Erwachen.

Neff führte zusammen mit ihrem Kollegen Benjamin R. Karney von der Universität von Florida mehrere Studien mit frisch verheirateten Paaren durch. Die Partner sollten den jeweils anderen global einschätzen, indem sie ihre Zustimmung beziehungsweise Ablehnung zu Statements gaben wie: „Ich halte meinen Partner für einen wertvollen Menschen“, oder: „Mein Partner hat eine Reihe wundervoller Qualitäten.“

Anschließend wurden sie nach spezifischen Stärken und Schwächen ihres Partners gefragt: Wie intelligent ist er oder sie? Wie geschickt ist er oder sie im Umgang mit anderen? Wie sportlich ist der/die Geliebte? Wie gut kann er oder sie den Alltag organisieren? Zusätzlich sollten die Teilnehmer ihre eigenen guten und weniger guten Qualitäten benennen.

Während alle Paare bei der allgemeinen Schätzung des anderen Spitzenwerte verteilten, zeigten sich bei der Einschätzung der spezifischen Stärken und Schwächen deutliche Unterschiede.

Einige Paare legten bei diesen Fragen ihre rosarote Brille ab und sahen realistisch die positiven wie negativen Eigenschaften des anderen. In ihrer Einschätzung der Stärken und Schwächen des Partners stimmten sie mit der Selbsteinschätzung des anderen weitgehend überein.

Andere Befragte jedoch blieben bei ihrer bewundernden Einschätzung und konnten keinerlei Schwächen am Partner erkennen.
Wie Neff und Karney feststellten, war es von besonderer Bedeutung für die Qualität der Beziehung, wenn die Ehefrauen einen möglichst realistischen Blick auf den Partner entwickeln konnten. War dies der Fall, dann hatten sie ein größeres Gefühl der Kontrolle, was sich auf die Beziehung stabilisierend auswirkte.

„Es ist nicht ausreichend, den Partner zu lieben“, sagt Lisa Ann Neff. „Man muss ihn lieben und ihn zugleich möglichst realistisch wahrnehmen.“ Wer nach der ersten Phase der Verliebtheit den anderen nicht vom Podest holt, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit nach vier Jahren Ehe geschieden als jemand, der den anderen mit all seinen Ecken und Kanten akzeptiert.

Neff hält es daher für sehr ratsam, die rosarote Brille beizeiten abzusetzen. Wer weiß, dass der Partner nicht gut organisiert ist, wird nicht überrascht sein, wenn er immer vergisst, die Rechnungen rechtzeitig zu bezahlen.

Weitere Themen:

Paarberatung auf dem Prüfstand
Der Nutzen von Coaching
Gestresste Paare sind gefährdet
Psychische Erkrankungen nehmen zu
Wirksamkeit der systemischen Therapie
Anerkennung der Systemischen Therapie